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09. OKTOBER 2020 DIE ADILETTE - MEHR DENN JE EIN KULT

Freiheit für die Füße! Warum die Adilette im Trend ist.

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Nein, das hat keine Influencerin im Netz getextet. So stand es in der ehrwürdigen »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Und nach der Veröffentlichung in der FAZ befassten sich landauf, landab, auch die anderen Medien mit dem Phänomen:

Die Adilette ist ein Renner. Nach fast einem halben Jahrhundert noch immer forever young. Im »Playboy« liest sich das so:

»Sie ist der Evergreen für Freunde der lockeren Fußbekleidung. Mehr und mehr schafft es die Adilette in die Szenebezirke. Diesmal in Kombination mit runder Nickelbrille, Club Mate und 200 Euro teuren Secondhand-Karottenjeans. Gut, ganz so extrem müssen Sie nicht werden, aber nichtsdestotrotz ist die Adilette urbaner Ausdruck von Lässigkeit. Vor allem für lange Sommerabende im Freien oder Supermarktbesuche.«

Erfunden hat Adi Dassler, so die Überlieferung, die Badesandalen 1963, als ihn ein befreundeter Fußballtrainer auf Missstände nach dem Schlusspfiff eines Matchs ansprach. Barfuß in die Dusche eines Bundesligaklubs? Das war seinerzeit ein Ausflug ins Paradies der Keime.

Dassler wusste, was er erfinden wollte. Er musste aber noch bis in die frühen 1970er warten. Dann erst war die Technik soweit: Mit neuen Maschinen wurde Schaumstoff in die Sohlen gespritzt – und nun realisierte Dassler die Adilette. 1972 kam sie auf den Markt, kurz vor den Olympischen Sommerspielen in München. Der Schuh hatte Saugnäpfe an der Sohle, so konnte der Sportler in den Duschräumen nicht mehr ausrutschen. Breit war die Sandale, drei Streifen hatte sie, vorzugsweise dunkelblau und weiß wurde gefertigt – und die Träger waren hin und weg. Die Adilette hatte ihnen gerade noch gefehlt.

Begonnen hat alles aber nicht erst 1963. Die Vision von einer funktionellen Badesandale trug Dassler schon sehr viel früher mit sich herum. Es war noch in der Zeit der Schwarzweiß-Fotografie. Der »Boss« hatte frei, die Sonne schien, er suchte sich, versehen mit einem Stapel Zeitungen, eine stille Ecke im Garten und arbeitete die Presse durch. Nachdem er fertig war, schlurfte er, die zerlesenen Zeitungen in der einen Hand, den Liegestuhl mit der anderen hinter sich her schleifend, durch den Garten. An den Füßen trug er die Vorgänger der Adilette. Breite Sohle. Weite Schlaufe für den Fuß. Lässiger Puristen-Look. Jahrzehnte später also ging seine Erfindung in die Produktion. Die Adilette war von Anfang an ein Bestseller.

Zufrieden hätte sich Adi Dassler zurücklehnen können. Seine Adiletten – pardon: Wortspiel – »fluteten« den Markt. Die Goldgewinner der Schwimmwettkämpfe hatten für die Fußwege in der Halle Dasslers neue Sandalen an den Zehen, das Schuhwerk wurde zum Kult der Bade-Urlauber, besonders in den USA riss man sich um die Adiletten. Doch Dassler lehnte sich nicht zurück. Ganz zufrieden war er selten. Besser ging immer.

Am achten Juni 1973 diktierte er seiner Sekretärin Helga Lang in den Block:

Bereits Ende 1971 beanstandete ich die Paßform beziehungsweise Ausführung unserer Adilette…

…Man sieht, dass selbst bei so fleißigen Leuten, wie sie für unsere Entwicklungsabteilung tätig sind, mit dem Holzhammer dahinter sein muß, sonst wird eine Angelegenheit wie diese immer vor sich hergeschoben.

– Adi Dassler

1975 justierte der Chef noch einmal energisch nach:

Unsere Adilette hatte in letzter Zeit stark rückläufige Verkaufszahlen, der Bedarf schien nachzulassen. Ein Hauptgrund war der, daß wir das Ristband nicht verstellbar machen können wegen der 3 Riemen. Das hat sich als Nachteil herausgestellt, denn jeder Fuß ist verschieden breit und hoch.

Beim früheren Modell konnten die Fußballer mit ihrem hohen Rist das zum Beispiel dadurch überbrücken, daß sie nicht ganz eingeschlüpft sind und an der Ferse etwas übertreten haben. Unsere neue Fußformsohle hat aber bekanntlich an der Ferse einen so hohen Rist, daß das Übertreten nach hinten nicht möglich ist.

– Adi Dassler, 28. Februar 1975

Und schließlich am 5. März 1975:

Bitte weisen Sie beim Gespräch mit Kunden darauf hin, daß man sich nicht davon irritieren lassen sollte, daß die Adilette locker sitzt. Vom medizinisch-orthopädischen Standpunkt ist das erwünscht, weil dadurch der Fuß zum »Mitarbeiten« beim Laufen gezwungen ist, die gesamte Fußmuskulatur wird gekräftigt (auf diesem Prinzip sind sämtliche Gesundheitssandalen, die auf dem Markt sind, aufgebaut).

Bei meinem eigenen Tragetest stellte ich fest, daß der Bandzug in der Breite ein sehr angenehmes Tragegefühl vermittelt.

– Adi Dassler

Natürlich haben die »fleißigen Leute« letztlich alles zur Zufriedenheit des Chefs optimiert. Die Adiletten waren einfach nicht mehr aus dem Leben eines Sportlers wegzudenken. Als die deutschen Fußballspieler in Brasilien Weltmeister geworden waren, wurden sie von Angela Merkel, der Bundeskanzlerin, in der Kabine besucht.

Die Kanzlerin freudetrunken. Trainer Löw im Siegertaumel. Die Spieler, ein Bier in der Hand, im Rausch des Moments. Die Kanzlerin elegant. Der Coach vorzeigbar. Die Spieler: nicht mehr ganz angezogen. Super sahen sie aus, die Weltmeister. Glücklich. Sportlich. Erfolgreich. An den Füßen Adiletten, in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Das hätte sich Adi wohl noch träumen lassen. Aber dass sogar die zurückhaltende FAZ so ins Schwärmen gerät – wer hätte das gedacht:

Inzwischen sind die Slip-on-Sandalen zum Kultschuh geworden. Viele Magazine verkünden als den wichtigsten Schuhtrend: die Luxus-Adilette. Jetzt stellte Adidas sogar erstmals Braut-Adiletten vor. Die Wedding-Edition ist in Weiß gehalten, hat dezente Stickereien und Bänder aus Satin. Für eine Strand-Hochzeit sicher eine gute Wahl.

– Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Adilette (pardon. Noch ein Wortspiel):

Sie hat einen weiten Weg gemacht.